Der NDR strahlt am 16. September um 23:15 Uhr das Spielfilmdebüt „Das serbische Mädchen“ aus. Der Film erzählt die bewegende Geschichte einer 18-jährigen schwangeren Serbin, die eine beschwerliche Reise von ihrem Heimatdorf nach Hamburg unternimmt, um den Vater ihres ungeborenen Kindes ausfindig zu machen. Das 95-minütige Drama basiert auf einer Kurzgeschichte des Literaturnobelpreisträgers Siegfried Lenz und wurde vom deutschen Regisseur Peter Sehr inszeniert.
Abenteuerliche Reise ohne Papiere und Geld
Die junge Protagonistin Milena macht sich ohne gültige Reisedokumente und finanzielle Mittel auf den Weg durch ein ihr völlig unbekanntes Land. Dabei ist sie auf Trampen angewiesen, um ihr Ziel zu erreichen. Die Handlung spielt in den 1990er Jahren, als die Grenzen zwischen Ost- und Westeuropa noch strenger bewacht wurden. Unterwegs begegnet sie verschiedenen Menschen, die ihr teils helfen, teils ihre Notlage ausnutzen wollen.
Die Reise führt sie durch mehrere deutsche Städte, wobei jede Station neue Herausforderungen mit sich bringt. Sprachbarrieren erschweren die Kommunikation zusätzlich, da Milena nur wenige Brocken Deutsch spricht. Ihre Schwangerschaft wird dabei zu einem immer größeren Hindernis, je weiter sie voranschreitet. Die Kamera begleitet sie bei nächtlichen Übernachtungen in Bahnhöfen und bei der Suche nach Mitfahrgelegenheiten an Autobahnraststätten.
Enttäuschung am Ende der beschwerlichen Fahrt
Nach ihrer strapaziösen Odyssee durch Deutschland erwartet die Schwangere jedoch eine bittere Enttäuschung in Hamburg. Der Mann, den sie als Vater ihres Kindes sieht und zu dem sie eine emotionale Bindung aufgebaut hat, weist sie zurück und möchte nichts mit ihr zu tun haben. Diese Wendung bildet den dramatischen Höhepunkt des Films und zeigt die Brutalität zwischenmenschlicher Beziehungen auf.
Der vermeintliche Kindesvater, ein deutscher Geschäftsmann, hatte Milena während eines Aufenthalts in Serbien kennengelernt. Für ihn war es nur eine flüchtige Begegnung, während sie echte Gefühle entwickelt hatte. Seine Ablehnung trifft sie umso härter, da sie ihre gesamten Hoffnungen auf diese Begegnung gesetzt hatte. Die Szene wird ohne sentimentale Übertreibung, aber mit großer emotionaler Wucht inszeniert.
Literarische Vorlage von Siegfried Lenz
Das Werk basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte aus Siegfried Lenz‘ Sammlung „So zärtlich war Suleyken“, die erstmals 1955 erschien. Lenz, der 2014 verstarb, gilt als einer der bedeutendsten deutschen Nachkriegsautoren. Seine Geschichten behandeln häufig Themen wie Heimatverlust, Fremdheit und die Suche nach Identität. Die Adaption für das Kino erweitert die ursprünglich nur wenige Seiten umfassende Vorlage zu einem abendfüllenden Drama.
Regisseur Peter Sehr, bekannt für Filme wie „Kaspar Hauser“ und „Hierankl“, versteht es, die literarische Qualität der Vorlage in cineastische Bilder zu übersetzen. Dabei verzichtet er bewusst auf spektakuläre Effekte und setzt stattdessen auf authentische Charakterzeichnung und atmosphärische Dichte. Die Hauptrolle wird von der serbischen Schauspielerin Katarina Zutic verkörpert, die für ihre Darstellung mehrere Filmpreise erhielt.
Gesellschaftskritische Dimension des Roadmovies
„Das serbische Mädchen“ thematisiert nicht nur eine persönliche Tragödie, sondern wirft auch gesellschaftskritische Fragen auf. Der Film zeigt die Realität illegaler Migration in Europa und die Schwierigkeiten, mit denen Menschen ohne gültige Papiere konfrontiert sind. Dabei werden Vorurteile und Ängste der einheimischen Bevölkerung ebenso beleuchtet wie die Verzweiflung der Migranten.
Die episodenhafte Struktur erlaubt es, verschiedene Gesellschaftsschichten zu porträtieren. Von hilfsbereiten Lastwagenfahrern bis hin zu misstrauischen Beamten begegnet Milena einem Querschnitt der deutschen Gesellschaft. Jede Begegnung spiegelt unterschiedliche Haltungen gegenüber Fremden wider und macht deutlich, wie schwierig Integration ohne entsprechende Unterstützung ist.
Technische Umsetzung und filmische Mittel
Kameramann Michael Ballhaus, der auch für Hollywood-Produktionen arbeitete, fängt die Reise in eindringlichen Bildern ein. Die Kameraführung ist bewusst zurückhaltend und dokumentarisch, um die Authentizität der Geschichte zu unterstreichen. Besonders die Landschaftsaufnahmen entlang der deutschen Autobahnen verleihen dem Film eine melancholische Grundstimmung.
Die Filmmusik stammt von Enjott Schneider und unterstützt die emotionale Wirkung, ohne aufdringlich zu werden. Schneider, bekannt für seine Arbeiten zu historischen Filmen, komponierte eine minimalistische Partitur, die die Einsamkeit der Protagonistin unterstreicht. Die Tonebene spielt eine wichtige Rolle, da viele Dialoge in verschiedenen Sprachen geführt werden, was die Kommunikationsprobleme verdeutlicht.
Der Film wurde bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt und erhielt dort positive Kritiken. Besonders gelobt wurde die unsentimentale Darstellung eines hochaktuellen Themas. Die deutsche Premiere fand im Rahmen der Berlinale statt, wo „Das serbische Mädchen“ mit dem Preis für den besten Debütfilm ausgezeichnet wurde. Die NDR-Ausstrahlung am 16. September von 23:15 bis 00:50 Uhr bietet nun einem breiteren Publikum die Gelegenheit, dieses bemerkenswerte Kinodebüt zu entdecken.