Der deutsche Regisseur Wim Wenders feiert mit seinem neuesten Werk einen bemerkenswerten Erfolg. Perfect Days, ein ruhiges Drama über einen Toilettenreiniger in Tokio, startet jetzt bei HBO und gilt bereits als einer der herausragenden Filme des vergangenen Jahres. Trotz kritischer Anerkennung blieb das Werk beim breiten Publikum bisher weitgehend unentdeckt.
Stiller Triumph trotz geringer Aufmerksamkeit
Auf der Bewertungsplattform MovieMeter erhielt der Film bislang nur 358 Bewertungen, was die begrenzte Reichweite verdeutlicht. Dennoch schwärmen Filmkritiker von Wenders‘ sensibler Inszenierung. Das Drama erzählt die Geschichte eines Mannes, der in den öffentlichen Toiletten Tokios arbeitet und dabei eine unerwartete Schönheit im Alltäglichen findet. Die minimalistische Erzählweise und poetische Bildsprache haben Fachkreise begeistert.
Der Protagonist Hirayama, verkörpert von dem renommierten japanischen Schauspieler Koji Yakusho, folgt einem strengen Tagesrhythmus. Jeden Morgen wacht er zur gleichen Zeit auf, trinkt Dosenkaffee, hört Kassetten mit klassischer Musik und macht sich an die Arbeit. Diese Routine wird zum meditativen Ritual, das Wenders mit großer Sorgfalt und Respekt vor seinem Charakter inszeniert. Die Kamera verweilt bei alltäglichen Handgriffen und verwandelt sie in kleine Kunstwerke.
Internationale Anerkennung und Festivalerfolge
Perfect Days feierte seine Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2023, wo Wenders für seine Regie mit dem Preis für die beste Darstellung ausgezeichnet wurde. Koji Yakusho erhielt dort den Preis als bester Darsteller für seine nuancierte Verkörperung des schweigsamen Protagonisten. Der Film wurde anschließend als deutscher Beitrag für die Oscars in der Kategorie „Bester internationaler Film“ eingereicht.
Kritiker lobten besonders die authentische Darstellung des modernen Japans abseits der üblichen Klischees. Wenders arbeitete eng mit lokalen Beratern zusammen, um die kulturellen Nuancen korrekt einzufangen. Die Dreharbeiten fanden an realen Schauplätzen in Tokio statt, darunter die berühmten Designer-Toiletten des „Tokyo Toilet Project“, das von der Nippon Foundation initiiert wurde.
Meisterwerk eines Filmveteranen
Wim Wenders, der bereits mit Klassikern wie „Der Himmel über Berlin“ und „Paris, Texas“ Filmgeschichte schrieb, beweist auch im Alter von 78 Jahren seine ungebrochene künstlerische Kraft. Perfect Days verzichtet bewusst auf spektakuläre Handlung und konzentriert sich stattdessen auf die kleinen Momente des Lebens. Die Hauptfigur entwickelt durch ihre täglichen Routinen eine meditative Ruhe, die sich unmittelbar auf den Zuschauer überträgt.
Der Film entstand in Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Master Mind und wurde teilweise von der japanischen Regierung gefördert. Wenders selbst beschreibt das Projekt als „Liebesbrief an Tokio und seine Menschen“. Die Entstehungsgeschichte reicht zurück bis 2019, als der Regisseur erstmals von dem Tokyo Toilet Project erfuhr und von der Idee fasziniert war, über Menschen zu erzählen, die sich um diese außergewöhnlichen öffentlichen Räume kümmern.
Philosophische Tiefe und visuelle Poesie
Perfect Days erforscht Themen wie Einsamkeit, Würde der Arbeit und die Schönheit des Gewöhnlichen. Hirayama fotografiert Bäume mit einer analogen Kamera und entwickelt die Bilder selbst – eine Metapher für die langsame, bewusste Wahrnehmung der Welt. Seine Leidenschaft für Musik, von The Velvet Underground bis hin zu Nina Simone, offenbart eine verborgene emotionale Tiefe.
Die Kameraführung von Franz Lustig fängt die urbane Landschaft Tokios mit einer fast dokumentarischen Präzision ein. Gleichzeitig verleiht sie den alltäglichen Szenen eine poetische Qualität. Besonders bemerkenswert sind die Sequenzen, in denen Hirayama seine Arbeit verrichtet – sie werden zu einer Art Ballett der Präzision und des Respekts.
HBO bringt Arthouse-Kino ins Wohnzimmer
Mit der Aufnahme in das HBO-Programm erhält der Film nun die Chance auf eine deutlich größere Zuschauerschaft. Streaming-Dienste haben sich in den vergangenen Jahren zunehmend als wichtige Plattform für anspruchsvolle Filme etabliert. Besonders Werke, die im Kino nur ein Nischenpublikum erreichen, finden über diese Kanäle oft zu völlig neuen Fans. Die Verfügbarkeit bei HBO könnte Perfect Days endlich die breite Aufmerksamkeit verschaffen, die Kritiker dem Film bereits seit Monaten attestieren.
Der Streamingstart erfolgt zu einem strategisch günstigen Zeitpunkt, da sich Perfect Days noch im Rennen um verschiedene internationale Filmpreise befindet. HBO Max hat in den vergangenen Jahren verstärkt auf Qualitätsfilme gesetzt und sich als Plattform für anspruchsvolle Unterhaltung positioniert.
Der Film steht exemplarisch für Wenders‘ einzigartige Fähigkeit, aus scheinbar banalen Situationen tiefgreifende menschliche Wahrheiten zu destillieren. Seine kontemplative Herangehensweise an das Erzählen macht Perfect Days zu einem wohltuenden Gegenentwurf zur hektischen Mainstream-Unterhaltung und bietet Zuschauern eine seltene Möglichkeit zur Entschleunigung in unserer beschleunigten Zeit.