Das Erste zeigt ab dem 16. August eine fesselnde Dokumentation über einen ungewöhnlichen Wettstreit in der texanischen Provinz. „One of These Days“ begleitet zwanzig Teilnehmer bei einem außergewöhnlichen Ausdauerwettbewerb, der die sozialen Strukturen einer amerikanischen Kleinstadt offenlegt und dabei schonungslos die Realitäten des modernen amerikanischen Traums hinterfragt.
Ausdauerwettbewerb um blauen Pick-up-Truck
Der Dokumentarfilm dokumentiert einen sogenannten „Hands on“-Wettbewerb, bei dem die Kontrahenten einen blauen Pick-up-Truck so lange wie möglich mit ihren Händen berühren müssen. Wer als Letzter durchhält, erhält das Fahrzeug als Gewinn. Diese Art des Wettstreits erfordert nicht nur körperliche Ausdauer, sondern auch mentale Stärke der Beteiligten. Die Regeln sind dabei denkbar einfach: Beide Hände müssen permanent am Fahrzeug bleiben, nur kurze Pausen alle paar Stunden sind erlaubt.
Solche Wettbewerbe haben in den amerikanischen Südstaaten eine lange Tradition und finden meist auf Jahrmärkten oder bei Autohändlern statt. Der Wert des blauen Pick-ups beläuft sich auf etwa 35.000 Dollar – eine Summe, die für viele der Teilnehmer lebensverändernd wäre. Manche Kandidaten haben bereits Wochen vor dem Ereignis trainiert und Strategien entwickelt, um die körperlichen und psychischen Strapazen zu überstehen.
Einblicke in texanische Kleinstadt-Gesellschaft
Die Filmemacher nutzen den Wettbewerb als Ausgangspunkt für eine tiefgreifende Gesellschaftsstudie. Während die Teilnehmer stundenlang am Fahrzeug ausharren, enthüllen sich persönliche Geschichten und wirtschaftliche Nöte der Bewohner. Die Dokumentation zeigt, wie existenziell wichtig der Gewinn für viele der zwanzig Kandidaten ist. Arbeitslosigkeit, medizinische Schulden und fehlende Perspektiven prägen das Leben vieler Protagonisten.
Besonders deutlich werden die sozialen Unterschiede und finanziellen Herausforderungen, mit denen sich die Menschen in der texanischen Provinz konfrontiert sehen. Der Pick-up-Truck symbolisiert dabei mehr als nur ein Transportmittel – er steht für Mobilität, Arbeitsmöglichkeiten und einen Ausweg aus prekären Lebenssituationen. Für einen arbeitslosen Bauarbeiter bedeutet das Fahrzeug die Chance auf neue Aufträge, für eine alleinerziehende Mutter den zuverlässigen Weg zur Arbeit.
Die Kleinstadt selbst wird zum stummen Protagonisten der Geschichte. Leerstehende Geschäfte, verfallende Infrastruktur und der Niedergang traditioneller Industrien bilden die Kulisse für den verzweifelten Kampf um ein besseres Leben. Die Kamera dokumentiert nicht nur den Wettbewerb, sondern auch die Gespräche der Zuschauer, die eigene Erfahrungen mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten teilen.
Rabenschwarze Milieustudie mit dokumentarischem Anspruch
„One of These Days“ verzichtet auf oberflächliche Unterhaltung und konzentriert sich stattdessen auf authentische Porträts der Wettbewerbsteilnehmer. Die Kamera fängt sowohl die körperliche Erschöpfung als auch die emotionalen Momente der Beteiligten ein. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild der amerikanischen Arbeiterklasse. Regisseur Bastian Günther beobachtet mit ruhiger Hand, wie sich nach Stunden der Erschöpfung die Masken fallen lassen.
Die Dokumentation beleuchtet die Hoffnungen und Träume gewöhnlicher Menschen, die bereit sind, extreme körperliche Strapazen auf sich zu nehmen. Gleichzeitig offenbart sie die systemischen Probleme einer Gesellschaft, in der ein einzelnes Fahrzeug über das weitere Schicksal entscheiden kann. Besonders bewegend sind die Momente, in denen Teilnehmer ihre Motivationen preisgeben: Ein Veteran kämpft gegen Depressionen, eine Krankenschwester gegen die Zwangsvollstreckung ihres Hauses.
Der Film wurde bereits auf mehreren internationalen Festivals gezeigt und erhielt Auszeichnungen für seine ungeschönte Darstellung sozialer Realitäten. Kritiker lobten die respektvolle Art, mit der die Filmemacher ihre Protagonisten porträtieren, ohne sie zu verurteilen oder zu romantisieren. Die 125-minütige Dokumentation entstand über einen Zeitraum von drei Jahren und gewährt intime Einblicke in eine Welt, die oft übersehen wird.
Gesellschaftliche Relevanz und politische Dimension
Der texanische Wettbewerb steht exemplarisch für die wachsende Ungleichheit in den USA. Während in den Großstädten der Wohlstand steigt, kämpfen ländliche Gemeinden ums Überleben. Die Dokumentation zeigt, wie Menschen bereit sind, ihre Würde für eine Chance auf wirtschaftliche Stabilität zu riskieren. Diese Verzweiflung erklärt auch politische Entwicklungen und das Erstarken populistischer Bewegungen in den amerikanischen Heartland-Staaten.
Experten sehen in solchen Wettbewerben ein Symptom für das Versagen sozialer Sicherungssysteme. Professor Michael Thompson von der University of Texas bezeichnet den Film als „wichtiges Dokument einer Gesellschaft in der Krise“. Die Tatsache, dass Menschen bereit sind, tagelang an einem Auto zu stehen, verdeutliche die Erosion des amerikanischen Traums für weite Bevölkerungsschichten.
Sendetermin und Verfügbarkeit
Das Erste strahlt die Dokumentation am 16. August um 23:30 Uhr aus. Die Laufzeit beträgt 125 Minuten bis 01:35 Uhr. Zuschauer erhalten damit die Gelegenheit, eine ungeschönte Momentaufnahme aus dem amerikanischen Heartland zu erleben, die weit über einen simplen Wettbewerb hinausgeht und gesellschaftliche Realitäten schonungslos dokumentiert. Nach der Ausstrahlung steht der Film eine Woche lang in der ARD-Mediathek zur Verfügung und bietet deutschen Zuschauern einen seltenen Einblick in die sozialen Verwerfungen der amerikanischen Gesellschaft.