Regie: Paul Thomas Anderson | Cast: Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Benicio Del Toro, Teyana Taylor, Chase Infiniti, Regina Hall | Laufzeit: 162 Min. | FSK: ab 16 | Im Kino: 25. September 2025
Es gibt Filme, die man gesehen haben muss. Und es gibt Filme, bei denen man sich fragt, warum man drei Stunden seines Lebens investiert hat, die man nicht zurückbekommt. One Battle After Another von Paul Thomas Anderson ist – trotz allem Hype, trotz sämtlicher Kritikerawards, trotz der 13 Oscar-Nominierungen – leider das Zweite. Man möchte es nicht glauben. Man will es nicht glauben. Doch am Ende sitzt man im Kino, schaut auf die Leinwand und stellt sich eine Frage immer wieder: Was will uns dieser Film eigentlich sagen? Und warum fühlt es sich an, als wolle er sich diese Antwort lieber selbst nicht geben?
Die Story: Wer, was, wozu?
Kurz zur Handlung, soweit man sie als solche bezeichnen darf. An der mexikanisch-amerikanischen Grenze operiert eine linksradikale Widerstandsgruppe namens „French 75″. Ihr Spezialgebiet: das Stürmen von Migranten-Internierungslagern, das Befreien von Inhaftierten, das Überfallen von Banken – und das alles mit einer Mischung aus revolutionärem Furor und seltsamer Leichtigkeit, die den Zuschauer von Beginn an rätseln lässt, ob er das nun ernst nehmen soll oder nicht.
Im Zentrum steht Pat Calhoun, Spitzname „Ghetto Pat“ oder „Rocketman“ (Leonardo DiCaprio), Bombenexperte der Gruppe und Vater einer biracial geborenen Tochter namens Willa (Chase Infiniti). Der Widersacher: Colonel Steven J. Lockjaw (Sean Penn), ein xenophober Militäroffizier mit ICE-ähnlichen Vollmachten, einem pathologischen Hass auf alles Fremde – und einer ebenso pathologischen Besessenheit gegenüber Perfidias Beverly Hills (Teyana Taylor), der Freundin von Pat.
Nach einem rasanten, 40-minütigen Prolog springt der Film 16 Jahre in die Zukunft. Pat heißt jetzt Bob, lebt zurückgezogen mit seiner Tochter Willa, kifft, starrt auf den Fernseher und diskutiert gelegentlich mit Geschichtslehrern. Lockjaw taucht wieder auf. Willa verschwindet. Bob muss handeln. Alte Weggefährten werden reaktiviert. Es folgt eine Jagd, die über schießwütige Nonnen, weiß-nationalistische Untergrundgesellschaften, einen rätselhaften Sensei (Benicio Del Toro) und eine finale Verfolgungsjagd durch die Hügel von San Diego führt.
Klingt abwechslungsreich? Ist es. Klingt stringent? Ist es nicht.
Das Grundproblem: Ein Film ohne Gravitationszentrum
Anderson hat zwanzig Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Zwanzig Jahre. Man merkt dem Film an, dass er aus einer Vielzahl von Ideen, Impulsen und Inspirationen zusammengesetzt ist – dem Pynchon-Roman Vineland, einer Autoverfolgungsjagd, einer weiblichen Revolutionsfigur, einer Vater-Tochter-Geschichte, einem politischen Kommentar zur Trump-Ära. Das Problem: Kein einziger dieser Fäden wird wirklich konsequent verfolgt. Sie werden aufgenommen, kurz gezeigt, und dann wieder fallen gelassen, als hätte jemand den Storyboard-Tisch umgeworfen und einfach alles so liegen gelassen, wie es hingefallen ist.
Was entsteht, ist ein Film ohne Gravitationszentrum. Ohne den einen Kern, der alles zusammenhält. Die politische Botschaft? Zu plakativ, um ernstzunehmende Kritik zu sein – die weißen Rassisten in ihren unterirdischen Bunkern, die sich gegenseitig mit „Hail Saint Nick“ begrüßen, sind so überzeichnet, dass selbst Satire an ihre Grenzen stößt. Die Vater-Tochter-Geschichte? Sie hat echte Momente, wird aber ständig von spektakulären Eskalationen unterbrochen, bevor sie wirklich Tiefe entwickeln kann. Die Revolutionsgeschichte? Kommt und geht wie eine Nebenfigur im eigenen Film.
Anderson, das muss man ihm lassen, will offensichtlich Tarantino sein. Der Einfluss ist unübersehbar: die langen, mäandernden Dialoge, die exzentrischen Figuren am Rand, die plötzliche Gewalt, die schwarze Komik, das bewusste Brechen von Genrekonventionen. Nur: Tarantino versteht sein Handwerk in einer ganz bestimmten Weise. Er lässt seine Figuren reden, aber dieser Rede wohnt immer eine Spannung inne, ein subkutaner Konflikt, der sich aufbaut. Anderson hingegen lässt seine Figuren reden, und man wartet – oft vergebens – darauf, dass irgendetwas davon eine Konsequenz hat. Die Dialoge klingen tief. Sie sind es häufig nicht.
Die Schauspieler: Weltklasse im falschen Film
Hier muss man ehrlich sein: Was der Cast in diesem Film leistet, ist außerordentlich. Und das macht das ganze Erlebnis umso frustrierender.
Sean Penn als Colonel Lockjaw ist eine Offenbarung. Er spielt diesen Mann als eine Art menschgewordene Karikatur – grotesk, widerlich, komisch und erschreckend zugleich. Lockjaw ist nicht einfach ein Bösewicht, er ist eine Verkörperung eines bestimmten Typs amerikanischer Männlichkeit: das Patriarchat in Uniform, der Rassismus in Rangabzeichen. Dass Penn dabei nicht ins bloß Klischeehafte abgleitet, ist eine schauspielerische Meisterleistung. Wenn er mit seiner Kampftruppe durch Baktan Cross zieht und gezielt Unruhe schürt, hat man tatsächlich kurz das Gefühl, einem zeitgenössischen Horrorfilm beizuwohnen. Sean Penn gibt alles – der Film gibt ihm zu wenig zurück.
Leonardo DiCaprio liefert ebenfalls eine starke Vorstellung als abgehalfterter Revolutionär Bob, der seine besten Tage hinter sich hat und sich zwischen Paranoia und väterlicher Fürsorge bewegt. DiCaprio hat die seltene Fähigkeit, auch in ruhigen Momenten zu fesseln – ein Blick, eine Geste, ein Zögern. Doch sein Bob wird vom Drehbuch nicht konsequent geführt. Mal ist er brillant, dann wieder hilflos, dann wieder action-tauglich – je nachdem, was die nächste Szene verlangt, nicht was die Figur verlangt.
Chase Infiniti als Willa ist eine echte Entdeckung. Die junge Newcomerin trägt weite Teile des Films mit einer Reife und Präzision, die man so nicht erwartet hätte. Ihr Zusammenspiel mit DiCaprio hat in wenigen ruhigen Momenten echte Emotionalität.
Benicio Del Toro ist leider viel zu selten zu sehen. Als mysteriöser Sensei Sergio bringt er in jedem seiner Auftritte eine Stille und ein Gewicht mit, das man sich für den gesamten Film gewünscht hätte. Jede Szene mit ihm fühlt sich an, als würde der Film kurz zur Ruhe kommen und sich selbst finden. Dann verschwindet er wieder.
Und Teyana Taylor als Perfidia? Elektrisch. Mitreißend. Leider ebenfalls zu früh aus dem Film verschwunden, um mehr als ein Ausrufezeichen zu sein.
Was also tun mit einem Film, in dem alle Beteiligten brillant sind – und das Ergebnis trotzdem nicht stimmt? Es ist, als hätte man die besten Zutaten der Welt versammelt, und am Ende kommt trotzdem kein gutes Gericht dabei raus. Die Küche, sprich das Drehbuch, hat versagt.
Der Tarantino-Vergleich, der nicht aufgeht
Es ist kein Zufall, dass viele Kritiker und Zuschauer beim Anschauen von One Battle After Another unweigerlich an Quentin Tarantino denken. Anderson selbst gibt dieser Assoziation reichlich Nahrung: die Struktur, die Ästhetik, der Tonfall. Doch genau dieser Vergleich ist es, der dem Film am meisten schadet.
Tarantino – ob man ihn mag oder nicht – versteht es, sinnlose Dialoge mit einer inneren Logik auszustatten. Wenn Vincent Vega und Jules Winnfield über Royale with Cheese reden, ist das keine verschwendete Zeit. Es ist Charakterzeichnung, es ist Tonsetzen, es ist die ruhige Stille vor dem Sturm. Man sitzt dabei und lacht, und gleichzeitig weiß man intuitiv: Das hat eine Funktion. Andersons lange Szenen in One Battle After Another haben diese Funktion oft nicht. Sie mäandern. Sie existieren. Und dann endet die Szene, und man fragt sich: Was hat das gerade zur Geschichte beigetragen?
Das ist das Problem mit dem gewollten Arthouse-Kino: Es kann funktionieren, wenn hinter der Oberfläche tatsächlich etwas ist. Wenn die vermeintliche Sinnlosigkeit eine tiefere Sinnhaftigkeit trägt. Hier trägt sie sie zu selten.
Handwerk und Ästhetik: Wo der Film glänzt
Um fair zu sein: Handwerklich ist One Battle After Another beeindruckend. Kameramann Michael Bauman und Andersons Entscheidung, auf vintage VistaVision-Kameras zu setzen, sorgen für eine Bildsprache, die tatsächlich einzigartig ist – scharf, roh, fast dokumentarisch, dabei mit einer malerischen Qualität in den Wüsten- und Landschaftsaufnahmen.
Die Actionszenen – insbesondere die finale Verfolgungsjagd durch die Hügel des San Diego County – sind handwerklich stark. Schnittmeister Andy Jurgensen, der bereits seit Inherent Vice mit Anderson zusammenarbeitet, hält das Tempo hoch, ohne in Hysterie zu verfallen. Und Jonny Greenwoods Score ist das, was man von ihm erwartet: eigenwillig, dissonant, packend. Das nervöse Klaviergeklimper, die Marimba, die Xylophon-Einwürfe – es schafft eine Atmosphäre permanenter Unruhe, die den Film in seinen besten Momenten antreibt. Nicht jeder wird das mögen. Aber es funktioniert als ästhetisches Statement.
Doch wie bereits gesagt: Handwerk ersetzt keine Substanz.
Hier, deutlich ausführlicher und mit mehr Biss:
One Battle After Another – Gewollt, nicht gekonnt, und trotzdem gefeiert
Regie: Paul Thomas Anderson | Cast: Leonardo DiCaprio, Sean Penn, Benicio Del Toro, Teyana Taylor, Chase Infiniti, Regina Hall | Laufzeit: 162 Min. | FSK: ab 16 | Im Kino: 25. September 2025
Es gibt Filme, die man gesehen haben muss. Und es gibt Filme, bei denen man sich fragt, warum man drei Stunden seines Lebens investiert hat, die man nicht zurückbekommt. One Battle After Another von Paul Thomas Anderson ist – trotz allem Hype, trotz sämtlicher Kritikerawards, trotz der 13 Oscar-Nominierungen – leider das Zweite. Man möchte es nicht glauben. Man will es nicht glauben. Doch am Ende sitzt man im Kino, schaut auf die Leinwand und stellt sich eine Frage immer wieder: Was will uns dieser Film eigentlich sagen? Und warum fühlt es sich an, als wolle er sich diese Antwort lieber selbst nicht geben?
Die Story: Wer, was, wozu?
Kurz zur Handlung, soweit man sie als solche bezeichnen darf. An der mexikanisch-amerikanischen Grenze operiert eine linksradikale Widerstandsgruppe namens „French 75″. Ihr Spezialgebiet: das Stürmen von Migranten-Internierungslagern, das Befreien von Inhaftierten, das Überfallen von Banken – und das alles mit einer Mischung aus revolutionärem Furor und seltsamer Leichtigkeit, die den Zuschauer von Beginn an rätseln lässt, ob er das nun ernst nehmen soll oder nicht.
Im Zentrum steht Pat Calhoun, Spitzname „Ghetto Pat“ oder „Rocketman“ (Leonardo DiCaprio), Bombenexperte der Gruppe und Vater einer biracial geborenen Tochter namens Willa (Chase Infiniti). Der Widersacher: Colonel Steven J. Lockjaw (Sean Penn), ein xenophober Militäroffizier mit ICE-ähnlichen Vollmachten, einem pathologischen Hass auf alles Fremde – und einer ebenso pathologischen Besessenheit gegenüber Perfidias Beverly Hills (Teyana Taylor), der Freundin von Pat.
Nach einem rasanten, 40-minütigen Prolog springt der Film 16 Jahre in die Zukunft. Pat heißt jetzt Bob, lebt zurückgezogen mit seiner Tochter Willa, kifft, starrt auf den Fernseher und diskutiert gelegentlich mit Geschichtslehrern. Lockjaw taucht wieder auf. Willa verschwindet. Bob muss handeln. Alte Weggefährten werden reaktiviert. Es folgt eine Jagd, die über schießwütige Nonnen, weiß-nationalistische Untergrundgesellschaften, einen rätselhaften Sensei (Benicio Del Toro) und eine finale Verfolgungsjagd durch die Hügel von San Diego führt.
Klingt abwechslungsreich? Ist es. Klingt stringent? Ist es nicht.
Das Grundproblem: Ein Film ohne Gravitationszentrum
Anderson hat zwanzig Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Zwanzig Jahre. Man merkt dem Film an, dass er aus einer Vielzahl von Ideen, Impulsen und Inspirationen zusammengesetzt ist – dem Pynchon-Roman Vineland, einer Autoverfolgungsjagd, einer weiblichen Revolutionsfigur, einer Vater-Tochter-Geschichte, einem politischen Kommentar zur Trump-Ära. Das Problem: Kein einziger dieser Fäden wird wirklich konsequent verfolgt. Sie werden aufgenommen, kurz gezeigt, und dann wieder fallen gelassen, als hätte jemand den Storyboard-Tisch umgeworfen und einfach alles so liegen gelassen, wie es hingefallen ist.
Was entsteht, ist ein Film ohne Gravitationszentrum. Ohne den einen Kern, der alles zusammenhält. Die politische Botschaft? Zu plakativ, um ernstzunehmende Kritik zu sein – die weißen Rassisten in ihren unterirdischen Bunkern, die sich gegenseitig mit „Hail Saint Nick“ begrüßen, sind so überzeichnet, dass selbst Satire an ihre Grenzen stößt. Die Vater-Tochter-Geschichte? Sie hat echte Momente, wird aber ständig von spektakulären Eskalationen unterbrochen, bevor sie wirklich Tiefe entwickeln kann. Die Revolutionsgeschichte? Kommt und geht wie eine Nebenfigur im eigenen Film.
Anderson, das muss man ihm lassen, will offensichtlich Tarantino sein. Der Einfluss ist unübersehbar: die langen, mäandernden Dialoge, die exzentrischen Figuren am Rand, die plötzliche Gewalt, die schwarze Komik, das bewusste Brechen von Genrekonventionen. Nur: Tarantino versteht sein Handwerk in einer ganz bestimmten Weise. Er lässt seine Figuren reden, aber dieser Rede wohnt immer eine Spannung inne, ein subkutaner Konflikt, der sich aufbaut. Anderson hingegen lässt seine Figuren reden, und man wartet – oft vergebens – darauf, dass irgendetwas davon eine Konsequenz hat. Die Dialoge klingen tief. Sie sind es häufig nicht.
Die Schauspieler: Weltklasse im falschen Film
Hier muss man ehrlich sein: Was der Cast in diesem Film leistet, ist außerordentlich. Und das macht das ganze Erlebnis umso frustrierender.
Sean Penn als Colonel Lockjaw ist eine Offenbarung. Er spielt diesen Mann als eine Art menschgewordene Karikatur – grotesk, widerlich, komisch und erschreckend zugleich. Lockjaw ist nicht einfach ein Bösewicht, er ist eine Verkörperung eines bestimmten Typs amerikanischer Männlichkeit: das Patriarchat in Uniform, der Rassismus in Rangabzeichen. Dass Penn dabei nicht ins bloß Klischeehafte abgleitet, ist eine schauspielerische Meisterleistung. Wenn er mit seiner Kampftruppe durch Baktan Cross zieht und gezielt Unruhe schürt, hat man tatsächlich kurz das Gefühl, einem zeitgenössischen Horrorfilm beizuwohnen. Sean Penn gibt alles – der Film gibt ihm zu wenig zurück.
Leonardo DiCaprio liefert ebenfalls eine starke Vorstellung als abgehalfterter Revolutionär Bob, der seine besten Tage hinter sich hat und sich zwischen Paranoia und väterlicher Fürsorge bewegt. DiCaprio hat die seltene Fähigkeit, auch in ruhigen Momenten zu fesseln – ein Blick, eine Geste, ein Zögern. Doch sein Bob wird vom Drehbuch nicht konsequent geführt. Mal ist er brillant, dann wieder hilflos, dann wieder action-tauglich – je nachdem, was die nächste Szene verlangt, nicht was die Figur verlangt.
Chase Infiniti als Willa ist eine echte Entdeckung. Die junge Newcomerin trägt weite Teile des Films mit einer Reife und Präzision, die man so nicht erwartet hätte. Ihr Zusammenspiel mit DiCaprio hat in wenigen ruhigen Momenten echte Emotionalität.
Benicio Del Toro ist leider viel zu selten zu sehen. Als mysteriöser Sensei Sergio bringt er in jedem seiner Auftritte eine Stille und ein Gewicht mit, das man sich für den gesamten Film gewünscht hätte. Jede Szene mit ihm fühlt sich an, als würde der Film kurz zur Ruhe kommen und sich selbst finden. Dann verschwindet er wieder.
Und Teyana Taylor als Perfidia? Elektrisch. Mitreißend. Leider ebenfalls zu früh aus dem Film verschwunden, um mehr als ein Ausrufezeichen zu sein.
Was also tun mit einem Film, in dem alle Beteiligten brillant sind – und das Ergebnis trotzdem nicht stimmt? Es ist, als hätte man die besten Zutaten der Welt versammelt, und am Ende kommt trotzdem kein gutes Gericht dabei raus. Die Küche, sprich das Drehbuch, hat versagt.
Der Tarantino-Vergleich, der nicht aufgeht
Es ist kein Zufall, dass viele Kritiker und Zuschauer beim Anschauen von One Battle After Another unweigerlich an Quentin Tarantino denken. Anderson selbst gibt dieser Assoziation reichlich Nahrung: die Struktur, die Ästhetik, der Tonfall. Doch genau dieser Vergleich ist es, der dem Film am meisten schadet.
Tarantino – ob man ihn mag oder nicht – versteht es, sinnlose Dialoge mit einer inneren Logik auszustatten. Wenn Vincent Vega und Jules Winnfield über Royale with Cheese reden, ist das keine verschwendete Zeit. Es ist Charakterzeichnung, es ist Tonsetzen, es ist die ruhige Stille vor dem Sturm. Man sitzt dabei und lacht, und gleichzeitig weiß man intuitiv: Das hat eine Funktion. Andersons lange Szenen in One Battle After Another haben diese Funktion oft nicht. Sie mäandern. Sie existieren. Und dann endet die Szene, und man fragt sich: Was hat das gerade zur Geschichte beigetragen?
Das ist das Problem mit dem gewollten Arthouse-Kino: Es kann funktionieren, wenn hinter der Oberfläche tatsächlich etwas ist. Wenn die vermeintliche Sinnlosigkeit eine tiefere Sinnhaftigkeit trägt. Hier trägt sie sie zu selten.
Handwerk und Ästhetik: Wo der Film glänzt
Um fair zu sein: Handwerklich ist One Battle After Another beeindruckend. Kameramann Michael Bauman und Andersons Entscheidung, auf vintage VistaVision-Kameras zu setzen, sorgen für eine Bildsprache, die tatsächlich einzigartig ist – scharf, roh, fast dokumentarisch, dabei mit einer malerischen Qualität in den Wüsten- und Landschaftsaufnahmen.
Die Actionszenen – insbesondere die finale Verfolgungsjagd durch die Hügel des San Diego County – sind handwerklich stark. Schnittmeister Andy Jurgensen, der bereits seit Inherent Vice mit Anderson zusammenarbeitet, hält das Tempo hoch, ohne in Hysterie zu verfallen. Und Jonny Greenwoods Score ist das, was man von ihm erwartet: eigenwillig, dissonant, packend. Das nervöse Klaviergeklimper, die Marimba, die Xylophon-Einwürfe – es schafft eine Atmosphäre permanenter Unruhe, die den Film in seinen besten Momenten antreibt. Nicht jeder wird das mögen. Aber es funktioniert als ästhetisches Statement.
Doch wie bereits gesagt: Handwerk ersetzt keine Substanz.
Der politische Anspruch: Zu viel und zu wenig zugleich
Anderson wollte einen politisch relevanten Film machen – und man spürt diesen Wunsch in jeder Szene. Die ICE-Razzien, die Migrantenlager, die weißnationalistische Geheimgesellschaft, Trumps Nationalgarde als Echo in Lockjaws Kampftruppe. Das ist alles da. Es ist alles gemeint. Es ist alles ernst.
Das Problem ist, dass der Film versucht, so viele politische Aussagen gleichzeitig zu machen, dass am Ende keine einzige wirklich landet. Man bekommt: Einwanderungspolitik, Rassismus, den Verrat revolutionärer Ideale an den Pragmatismus des Alltags, Vaterthemen, Gender-Dynamiken, kapitalistische Machtstrukturen und eine weiße Geheimgesellschaft mit weihnachtlichem Gruß. Das ist zu viel auf einmal. Es gibt Momente, in denen der Film dadurch wirkt wie eine politische Vorlesung – engagiert, gut gemeint, aber ohne die erzählerische Eleganz, um wirklich zu berühren.
Ein Film kann politisch sein und trotzdem cineastisch funktionieren – There Will Be Blood ist der beste Beweis dafür. Anderson kann das. Er hat es bewiesen. In One Battle After Another hat er sich von diesem Können seltsamerweise entfernt.
Fazit: Nicht sehenswert
One Battle After Another ist kein schlechter Film im Sinne handwerklicher Inkompetenz. Er ist ein verschwendeter Film – eines, der mit einem der besten Casts des Jahrzehnts, einem der versiertesten Regisseure seiner Generation, einem Budget von bis zu 175 Millionen Dollar und zwanzig Jahren Vorarbeit mehr hätte sein können und müssen.
Was übrig bleibt, ist ein gewollter Tarantino-Streifen, der die Tiefe vermisst, die Tarantino in seinen besten Momenten auszeichnet. Eine konstruierte Geschichte, die sich wichtiger nimmt als sie ist. Ein Politkommentar, der zu laut schreit, um wirklich zu treffen. Und ein Cast, der Weltklasse spielt – in einem Film, der ihnen nicht würdig ist.
Sean Penn ist atemberaubend. Leonardo DiCaprio ist stark. Chase Infiniti ist eine echte Entdeckung. Benicio Del Toro ist gut in jeder einzelnen Minute, in der er auf der Leinwand ist. Aber was nützt das alles, wenn die Geschichte, in der sie stecken, nicht weiß, wohin sie will?
Wer echten Tarantino will, schaut Pulp Fiction. Wer echten Anderson will, schaut There Will Be Blood oder The Master. Wer One Battle After Another sehen will – den können wir nicht aufhalten. Aber seht euch vorher zumindest den Trailer an, damit ihr wisst, worauf ihr euch einlasst.
Wertung: 4/10 – Nicht sehenswert
Erschienen auf score11.de